Legitimierte Gewalt in unserer Gesellschaft

Dieser Beitrag wird an deinen Glaubenssätzen rütteln und kann dich triggern. Wenn du merkst, das dich die ersten Sätze wütend machen, dann ließe diesen Beitrag vielleicht nicht heute weiter. Es ist ein Beitrag in dem es wieder einmal um das bewusstwerden geht. Einem hinterfragen unser Handlungen – unsere Haltung. Es wird kein einfacher Beitrag. Es geht um unser Täterschaft bei der legitimierten Form von Gewalt in unserer Gesellschaft.

Ich muss sagen ich bin immer noch schockiert, wenn ich an den letzten Arztbesuche denke, bei dem mein Kind gegen Tetanus geimpft werden sollte. Während ich mit dem Kleinen noch beschäftigt war lagen auf einmal zwei Erwachsene auf mein Kind, um es zu impfen. Mein Kind sagte davor es sei doch nicht so mutig und benötige noch einen Moment.
Es wurde Opfer von legitimierte Gewalt, weil man keine Zeit hatte um wertschätzend liebevoll und achtsam auf das Kind einzugehen, weil eine Impfung ja notwendig sei. Wenn man es nur schnell genug macht, sei es besser. Für wenn genau eigentlich? Ja, es wurde im besten Vorsatz gehandelt und genau das ist das Problem bei legitimierte Gewalt.
Ich war Opfer und Täterin zu gleich, weil meine Fassungslosigkeit mich handlungsfähig machte und ich es zugleich zu ließ. Ich war Opfer des Systems von legitimierte Gewalt und Täterin, die diese Gewalt gegenüber meinem Sohn zu ließ.

Legitimierte Gewalt an Schutzbefohlenen.

Wir wissen eigentlich, dass es nicht okay ist und haben zugleich Begründungen für die Umsetzung. Wir sehen uns als Opfer des Systems und begreifen unsere Täterschaft nicht. Es ist nicht nur ein schwarz oder weiß, wenn wir über Gewalt sprechen.
Wenn ich beobachte wie pflegebedürftige Senioren im Pflegeheim Opfer von Gewalt werden und ich wegschaue und es hinnehme dann bin ich auch Täter:in – Mittäter:in

《Man möchte nur kein Wind machen, weil es dann ja schlimmer wird. Wie will man denn sicher sein das der Mensch nicht noch mehr Gewalt erfährt.》

Es ist die Erklärung für die Opferrolle unseres Systems, zugleich lässt die Entscheidung sich in die Opferrolle des Systems zu begeben uns auch Täter:in sein, für die Opfer die Gewalt erfahren.

《Ja, aber die geben doch ihr bestes. Es ist doch keine böse Absicht. Sie sind doch überfordert.》

Es ist meine Projektion von Gründen der Rechtfertigung auf mein Gegenüber, um nicht handlungsfähig werden zu müssen. Es ist bewusstes wegschauen, denn ich habe die Entscheidungsmöglichkeit. Wir können in so einer Situation nicht neutral passiv sein, wir entscheiden unter dem Deckmantel der Opferrolle dazu als Täter:in zu agieren.

Bei dieser Darstellung passiert noch etwas auf einer anderen Ebene. Wenn ich das Handeln von erwachsenen Menschen gegenüber Schutzbefohlenen versuche zu rechtfertigen, verschieben ich die handelnde Person aus der Täter:innenrolle in eine Opferrolle. Das System sei schuld an der Situation. Wir sind ein Teil des Systems, wir spiele bei dem Spiel mit. Wir können meistens sogar sagen wo die Probleme sind, die uns reagieren lassen. Das wir z.B. überfordert sind. Wir nutzen diese Erkenntnisse gerne als Rechtfertigung unsers Handelns und entziehen uns so unsere Verantwortung. Ja, auch ich bin da nicht anders. Und jetzt wird es schwierig, wir wollen uns damit aus der Verantwortung stehlen und als Opfer sehen, damit wir die Macht in Form von Verantwortung nicht übernehmen müssen, die Macht etwas zu ändern. Diese Entscheidung treffen wir bewusst. Das Handeln von bewussten Entscheidungen ist ein Handeln eines Täters nicht eines Opfers, denn das hat keine Wahlmöglichkeit.

Wenn du das liest, gib dir Zeit die Aussage wirken zu lassen. Mir geht es nicht um Schuldzuweisung, sondern uns reflektieren. Unsere Welt ist nicht fair und wir bewegen uns in Schuldzuweisung, statt zu verzeihen. Mir geht es um das bewusstwerden von unseren Optionen, Optionen die wir als mündige Erwachsene haben. Und die Verantwortung übernehmen gegenüber Kindern und Menschen mit Demenz – sie sind unsere Schutzbefohlenen, die auf uns angewiesen sind.

Inspiration Veit Lindau, Schatten Werk 2021